Warum „Ich hab keinen Bock mehr“ das Beste ist, was dir passieren kann
- Sandra Reudenbach
- 17. Jan.
- 8 Min. Lesezeit
Über Selbstverrat, People Pleasing, Selbstwerdung und die Schwelle, die dies verhindert

„Ich hab keinen Bock mehr.“
Dieser Satz hat es in sich. Und er wird oft missverstanden. Er klingt nach Trotz, nach Aufgeben, nach Rückzug. In Wahrheit ist er für viele Menschen – insbesondere für sensible, feinfühlige und stark angepasste – ein tiefgreifender Wendepunkt. fast schon wie eine Notwendigkeit. Kein Zusammenbruch, sondern ein inneres Aufrichten. Kein Ende, sondern der Beginn von Selbstkontakt.
Viele von uns haben früh gelernt, freundlich zu sein. Brav. Lieb. Rücksichtsvoll. Anpassungsfähig. Wir wollten niemanden verletzen, niemandem ein schlechtes Gefühl geben – selbst dann nicht, wenn wir selbst dauerhaft über unsere Grenzen gingen, gehen und wenn wir das mit dem Preis von Selbstaufgabe und Aufopferung bezahlen. Gerade Menschen mit Bindungs- oder Entwicklungstrauma entwickeln diese Fähigkeit oft sehr früh. Sie ist intelligent, sie ist überlebenswichtig - zu Lasten unseres Selbst und unserer Identität.
Ich wähle hier bewusst das „wir“. Nicht aus Distanzlosigkeit, sondern aus Wahrhaftigkeit. Weil ich mich selbst darin wiederfinde. Und weil uns genau das verbindet: unsere Fähigkeit, uns gut an andere anzupassen, die Last der Welt auf unseren Schultern zu tragen und die Verantwortung des lieben Friedens Willen für die anderen einfach mit zu übernehmen.
Wenn innere Prozesse beginnen, wird es oft erst dunkler
Man kann es auch als Ego-Tod bezeichnen. Für mich sind es diese Phasen, diese Prozesse, die ganz tief gehen, uns ans Limit bringen, die unfassbar schmerzhaft sind und man sich schonmal die Frage stellen könnte: "hört das irgendwann mal auf?"
Was passiert da? Etwas bricht auf, verändert sich, transformiert. Meist auf Ebenen, die wir mit dem Kopf nicht mehr erreichen. Manchmal geschieht das bewusst, manchmal weiß man auch nicht so genau, wo man da "jetzt schon wieder reingeraten ist". Und genau dann, wenn wir eigentlich jemanden bräuchten, der da ist, uns hält, zuhört und uns stützt - passiert das Gegenteil dessen. Die Knüppel fliegen uns nur so zwischen die Beine.
Menschen reagieren anders auf uns. Wir erleben Ablehnung, Kälte, Ignoranz, subtile Feindseligkeit, Neid oder Missgunst. Kontaktabbrüche. Das haut richtig rein. Besonders dann, wenn wir wirklich nichts gemacht haben, außer vielleicht zu wachsen, sichtbar zu werden, verletzlich zu sein. Wir haben gute Intentionen, also wirklich von Herzen gute Intentionen und vermeintlich haben wir auch "nur Gutes verdient". Und doch ist das, was wir kriegen das Gegenteil dessen. Die Einsamkeit kickt so richtig rein.
HALLO!
Für das Nervensystem ist das hochrelevant. Denn soziale Zugehörigkeit ist kein Luxusbedürfnis, sondern eine biologische Notwendigkeit. Unser autonomes Nervensystem ist darauf ausgelegt, Sicherheit über Beziehung zu regulieren. Wenn diese Sicherheit wegbricht, werden alte, tief gespeicherte Erfahrungen aktiviert: Ausgrenzung, Ablehung, Nicht-Willkommen-Sein, Wertlosigkeit, Einsamkeit. Und zwar GENAU DANN, wenn wir dabei sind, mehr und mehr wir selbst zu werden. Rock-Bottom, Worst-Case-Szenario, DAS TUT SOOO WEH! Genau hier berührt das aktuelle Erleben oft sehr alte Schichten von Trauma, unsere Urwunde und meist zeigt sich auch ein immer wiederkehrendes Muster, etwas, das uns immer wieder "passiert".
Nochmal HALLO. I feel you!
Aber lass uns nochmal etwas Abstand gewinnen. Atme bewusst einmal in den Bauch und richte den Fokus auf deinen Oberkörper, deine Schultern und löse die Spannung. Bauchatmen. Abstand. Verstehen.
Die bekannten Reaktionen: Anpassung oder Flucht
In solchen Situationen greifen fast automatisch alte Überlebensstrategien. Ich greife jetzt mal zwei davon auf, die ich jetzt grade damit in Zusammenhang setze, keine Gewähr auf Vollständigkeit:
Die erste ist Anpassung::sie zeigt sich oft in Form von People Pleasing. Wir nähern uns wieder an, lieb, brav, lächeln. haben Verständnis für das Verhalten, weil wir ja doch diese Schuld tragen, und dieses tiefe Gefühl, verantwortlich zu sein, falsch zu sein. Unsere bloße Existenz ist falsch. Wir relativieren unser Erleben, erklären uns selbst, dass wir „zu sensibel“ sind, und versuchen, den Frieden wiederherzustellen. Was dabei häufig übersehen wird: Diese Form von Anpassung ist kein echter Kontakt, sondern ein Rückzug von uns selbst. Wir schneiden uns ab, wir trennen uns von uns selbst. Sie fühlt sich vertraut und sicher an an, weil wir sie so gut kennen, weil sie sich bei Unsicherheit und Bedrohung automatisch aktiviert.. Die grausame Wahrheit ist, dass es sich hier um Selbstverrat handelt, der zudem noch manipulativ ist, weil wir das tun "um zu": um dazuzugehören, um nicht abgelehnt zu werden, um nicht ausgeschlossen zu werden.
Die zweite Strategie ist Flucht: Meist handelt es sich um eine innere Flucht. Aber natürlich auch eine körperliche, wenn wir die Situation(en auch physisch verlassen. Ablenkung und Vermeidung übernimmt: Arbeit, Konsum, Alkohol, Drogen, Serien, Sex, Aktivismus, ständige Beschäftigung, sprich alles was ablenkt und uns aus dem hier und jetzt raushaut. Das ist verständlich, denn das Nervensystem sucht Entlastung aus der Anspannung, der Zerrissenheit. Der Preis ist hoch: Der Kontakt zum eigenen Erleben wird gedämpft bis abgeschnitten, die Verbindung zum eigenen Selbst geschwächt. Vielleicht fallen wir auch in die Starre, den Freeze, unser System "shutted down".
Oft kommen auch beide Strategien zusammen, die eine folgt der anderen, sie mischen sich. Alles fängt an zu verschwimmen und wir kommen darin eigentlich auch nicht mehr vor.
Beide Strategien haben eines gemeinsam: Sie VERMEIDEN das Fühlen dessen, was wirklich da ist. Es sind hervorragend funktionierende Vermeidungsstrategien. Wir vermeiden uns, uns selbst, unsere Gefühle, Emotionen und Bedürfnisse.
Was unter der Oberfläche liegt und worum es wirklich geht
Unter diesen Vermeidungsstrategien liegt das Unvermögen, das zu fühlen was wirklich in uns verletzt wird, die Wunde, die sowieso schon da ist, soll nicht berührt werden: Schmerz, Angst, Einsamkeit, Unverbundenheit, Wertlosigkeit, fehlende Existenzberechtigung., Das was uns entgegengebracht wird - Ausgrenzung. Feindseligkeit. Neid. Missgunst - ist das letzte, was wir in einer solchen Vulnerabilität brauchen können. Eigentlich brauchen wir den Schoß unserer Mutter und ganz viel Sicherheit, Liebe und Schutz. Doch genau da liegt die Krux: vielleicht gab es den nie und so werden hier oft auch sehr alte, gespeicherte Erfahrungen aus der Kindheit oder frühen Bindungsdynamiken berührt. Das Nervensystem unterscheidet hier nicht zwischen „damals“ und „heute“. Es reagiert, als stünde das Überleben auf dem Spiel. All das fühlt sich real an, der Körper reagiert.
Was wir in diesen Momenten nicht brauchen, sind schnelle Lösungen oder positives Denken. Mindset: das hilft nämlich garnicht.
Was wir brauchen, sind Ressourcen, innere Kapazität, Mitgefühl, Sanftheit und eine stabile Verbindung zu uns selbst: die Fähigkeit, mit dem eigenen Erleben zu bleiben, ohne uns zu verlassen. Das ist nichts, was man einfach „macht“. Das ist das,w as wir nie gelernt haben.
Deshalb will ich einmal aufräumen mit dem Bullshit, der überall rumgeistert. Wir müssen das lernen. Das ist Emotionstraining und funktioniert genau wie Muskeltraining oder Ausdauertraining. Es ist etwas, das gelernt, geübt und oft begleitet werden muss. Und es dauert Zeit, Ausdauer, Will und Durchhaltevermögen.
Liebe Menschen, das ist das worum es wirklich geht. That´s the real shit. Deshalb bin ich hier sehr klar, detailliert und kleinlich. Weil es genau das braucht: Genauigkeit.
Die Schwelle: bleiben statt vermeiden
Es gibt eine Alternative. Sie ist die unbequemste – und die transformierendste. Sie bedeutet, weder in Anpassung zu gehen noch zu fliehen. Sondern zu bleiben. Bei uns zu bleiben, mit uns zu sein und uns zu begleiten.
Zu bleiben, wenn es schmerzt.
Zu bleiben in der Unerträglichkeit.
Zu bleiben, wenn der Brustraum eng wird, das Herz sich anfühlt, als würde es zerreißen, und alte Selbstwertwunden aktiviert werden.
Das ist die Schwelle.
Hier erlauben wir, dass das da sein darf, was da ist – ohne es zu beschönigen. Die Verzweiflung. Die Wut. Die Angst, niemals dazuzugehören. Die eigene Unzulänglichkeit. Der Gedanke, mit einem selbst stimme etwas nicht. Genau hier zeigt sich Trauma in seiner Essenz: nicht als Erinnerung, sondern als Zustand.
Und genau hier beginnt Selbstwerdung.
Irgendwann kommt das „Ich hab keinen Bock mehr“ und zeigt sich als gesunde Grenze
Wenn wir lernen, üben, praktizieren - nochmal: wie Muskel- oder Ausdauertraining - kommt er irgendwann. Der Moment, in dem etwas in uns klar wird. Nicht laut, nicht aggressiv, sondern unmissverständlich:
Ich hab keinen Bock mehr.
Dieser Satz ist kein Angriff. Er ist eine innere Grenze. Ein „Stopp“. Ein Ende des Selbstverrats. Er markiert den Punkt, an dem wir aufhören, uns weiter zu verbiegen, um irgendwo dazugehören zu wollen, wo wir nicht hingehören, schlicht NICHT HINGEHÖREN, wo wir uns selbst verlieren und uns selbst verlassen. Hier kapitulieren wir vor unserem Ego, unseren Manipulations-Mechanismen und unseren alten Überlebensstrategien. Wir zeigen der Vermeidung den Stinkefinger: ICH HAB KEINEN BOCK MEHR!
Yes yes yes!!!
Diese Energie ist oft wütend, kraftvoll, voller Wumms. Und das ist gut so. Wut ist im Nervensystem eine mobilisierende Kraft. Sie bringt uns zurück in Handlung, in Aufrichtung, in Selbstschutz. Sie agiert in unserem ureigenen Sinne. Entscheidend ist, dass wir sie sich nicht gegen uns selbst oder eben diese anderen richten.Sondern, dass wir sie in unserem Sinne lenken und Neues gestalten können. Sie macht uns handlungsfähig. Und in erster Linie ist sie einfach nur viel Energie, die auf einmal freigesetzt wird. Und auch hier braucht es wieder Übung, Übung, Übung und mit dieser Energie umgehen zu lernen. Sie kommt mit einem Wumms, weil sie alt ist, weil sich hier festgesetzte Traumaenergie aus unserem Körper und Nervensystem löst, die dort sehr lange fest saß in Form von eben diesen aus Angst gespeisten Anpassungs. und Überlebensstrategien.
Wut durch den Körper integrieren
Diese Wut braucht Raum. Sie ist Energie – und Energie will sich bewegen. Wenn sie im System stecken bleibt, kippt sie in Scham, Schuld oder Selbstabwertung. Damit richtet sie sich gegen uns selbst. Oder, wenn das zu unerträglich ist, schießen wir sie ungehalten ins Außen, projizieren sie auf die anderen und kämpfen. Sowohl das Gegen-uns-selbst also auch das Gegen-andere wirkt zerstörerisch. Wenn wir mit dieser Energie in Kontakt kommen und noch kein Umgang vorhanden ist, muss das so sein. Das müssen wir uns irgendwann verzeihen. Doch in letzter Instanz geht es darum, diesen Umgang zu finden und die Wut als neue Handlungsmöglichkeit zu verstehen und in unser Leben zu integrieren. Mit einer Wucht von Gefühlen umgehen zu lernen ist obligatorisch im Prozess der Selbstwerdung, dem Weg zur Inneren Autorität. Wenn sie durch den Körper fließen darf, wird sie zu Klarheit.
Physische Entladung - Schreien, ins Kissen schlagen, Schütteln, Sport, Schwimmen, Rennen - aber auch Schreiben, jegliche Form von Bewegung, Stimme, Selbstausdruck, Kreativität, Co-Regulation hilft dem Nervensystem, diese mobilisierte Energie zu integrieren. Nicht als Gewalt, sondern als Verkörperung. So bleiben wir im Kontakt mit uns. So entsteht echte Abgrenzung. Nicht aus Härte, sondern aus Selbstkontakt.
Konsequenzen, die aus Selbstrespekt entstehen
Und dann kommt das: "Ich hab keinen Bock mehr"!
Keinen Bock
mich weiterhin so zu verhalten
mich so behandeln zu lassen
mit solchen Menschen etwas zu tun zu haben
mich anzupassen an den Shit, den andere fabrizieren
mich selbst so zu behandeln
Schluss mit dem Bullshit. Schluss mit der Anpassung, Schluss mit lieb-sein. Scheiß auf Harmonie.
Hier zeigt sich und wächst das, was wachsen soll, wenn wir über die Schwelle der Vermeidung gehen. Wir hören auf uns selbst zu vermeiden, aus falschen Gründen gegen unsere Wahrheit und unsere wahren Bedürfnisse zu handeln, uns unter Wert zu verkaufen, uns unsichtbar zu machen, uns kleiner zu machen als wir sind, unser Licht auszuknipsen, unsere Existenz zu verleugnen, unsere Würde zu verraten. Das ist der Wendepunkt, da wo wir die Pleaser Maske ein kleines Stück mehr mutig ablegen, auf die Einsamkeit scheißen, weil wir auf eins keinen Bock mehr haben: die anderen über uns selbst zu priorisieren. Und merken: hier ist ja garnicht so einsam, weil: hier ist Selbstkontakt, Selbstrespekt, Verbundenheit und ganz viel Affinität für mich selbst!
Nach diesem inneren Wendepunkt folgen oft äußere Entscheidungen. Kontakte werden beendet. Gruppen verlassen. Dynamiken nicht mehr mitgespielt. Nicht aus Trotz, sondern aus Integrität.
Mit jedem Schritt wächst die innere Grenze. Die Toleranz für emotionalen Bullshit sinkt. Und gleichzeitig entsteht Raum für Beziehungen, in denen man kein Spielball ist, sondern ein mensch, der Raum bekommt und echte Verbindung möglich wird. Jenseits der Einsamkeit.
Selbstwerdung ist kein sanfter Weg – aber ein ehrlicher!
Ich möchte nicht lügen. Das ist nichts für schwache Nerven. Hier passiert das ganze Emotionsspektrum in voller Ausprägung. Ja, sehr wahrscheinlich melden sich nach der Wut Scham und Schuld. Das ist kein Rückschritt, sondern der nächste Layer. Und so geht es immer tiefer, weiter und höher. Weitere Prozesse folgen. Darum soll es hier jetzt aber nicht gehen.
Hier geht es um das „Ich hab keinen Bock mehr“ als Schwelle. Als Geschenk. Als Moment, in dem Energie frei wird und innere Autorität entsteht.
Dieser Weg ist nichts für schnelle Lösungen. Er fordert Präsenz, Geduld und oft Begleitung. Aber er hat Sinn. Denn solange wir starke Gefühle vermeiden, bleiben wir gefangen – in Anpassung, Selbstverlassenheit und innerer Leere.
Vermeidung zu erkennen und bewusst einen anderen Weg zu wählen ist der Weg aus der Pleaser Rolle. Ich würde dir gerne etwas anderes sagen, aber there is no other.
Die Frage ist nicht, ob dieser Weg herausfordernd ist.
Sondern:
Wofür entscheidest du dich?

The Embodied Soulpath Program
Werde deine eigene Autorität!
Das Programm ist für dich, wenn du auch keinen Bock mehr hast.




Kommentare